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Essay

 

Evet zur Tradition

Von Simon Kremer

Evet – Ja, ich will. Nicht nur Braut und Bräutigam, Vater und Mutter warten auf das entscheidende Wort. Evet. Das türkische „Ja“ bei der Hochzeit ist mehr als nur die Bekundung, sein Leben mit dem Partner zu verbringen. Es ist auch ein Bekenntnis zu dessen Familie, ein Bekenntnis zur türkischen Kultur, in der die Hochzeit eine zentrale Rolle spielt; wenn nicht sogar die zentrale Rolle. Weil sie auch die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft, in der Familie, in der Partnerschaft definiert. Das „Ja“ ist nicht nur Liebesbekenntnis, es ist zugleich auch Eingehen eines rechtmäßigen Vertrages zwischen zwei Parteien. Und auch das zentrale Ereignis für viele säkulare Türken und Muslime. Und so heißt es im Koran: „Und verheiratet diejenigen von euch, die noch ledig sind, und die Rechtschaffenden von Euren Sklaven und Sklavinnen.“
So vielseitig die islamische Tradition ist, so vielseitig ist auch die Tradition der Hochzeit in der Türkei: Vom Bosporus bis hin nach Anatolien – und sogar bis nach Berlin, wo viele türkische Paare mit traditionellen Elementen heiraten. Sei es aus Traditionsbewusstsein oder aus Zugeständnissen den Eltern und insbesondere älteren Verwandten gegenüber. In Berlin hat sich darum auch ein eigener Wirtschaftszweig um die türkische Hochzeit aufgebaut: Mehr als zwölf Veranstaltungsräume gibt es in der Hauptstadt, aus Platzgründen überwiegend in alten Fabrikhallen, Jedes Wochenende wird Hochzeit gefeiert, etwa 700 pro Jahr in Berlin. Selten mit weniger als 500 Gästen.
So wie es den Türken nicht gibt, so gibt es auch nicht die türkische Hochzeit. Die Hochzeitsrituale unterscheiden sich stark nach der regionalen, religiösen und sozialen Herkunft der Familien. Das ist in Deutschland auch nicht anders. Dennoch möchte laut der Studie „Viele Welten leben“ fast die Hälfte der Befragten Türken in Deutschland auch einen türkischstämmigen Partner heriaten – um Reibereien in der Familie zu vermeiden.
Zwei Begriffe sind im Türkischen für die Liebe zu unterscheiden: „âsk“ und „sevgi“. Sevgi bezeichnet die Liebe, die man seinem Partner und seinen Kindern gegenüber in Form von Innigkeit und Zuneigung empfindet. Sie ist von Dauer und wächst mit der Zeit. Im Gegensatz dazu steht Âsk für Verliebtheit, unerfüllte Liebe, zerstörerische Leidenschaft. Âsk ist zentraler Topos der seit Jahrhunderten bestehenden Liebeslyrik der türkischen Mystik. Auch wenn in der türkischen Kultur eine allgemein kritische Haltung gegenüber der leidenschaftlichen Liebe herrscht, ist die Liebesheirat bei der jungen türkischstämmigen Generation der Standard.
So vielfältig die Tradition aber auch ist: einige Elemente sind überall gleich. Denn eines ist die türkische Hochzeit ganz sicher: Statussymbol. Und so dauert eine Hochzeit nicht selten drei Tage und drei Nächte. Auch dazu geben die Brautleute ihr „Evet“.

Von der Brautschau zur Verlobung

In ihrer traditionellen Form beginnt alles mit der „Brautschau“, dem Aussuchen einer geeigneten Frau durch die Brautschauerinnen, die görücü, für den potenziellen Bräutigam. Ein Brauchtaum, wie es heutzutage aber nur noch selten vorkommt. Auch wenn sich der Bräutigam seine Braut bereits ausgesucht hat, holen die görücü häufig erst einmal Erkundigungen über die neue Frau ein. Über ihre Ehre, ihre Gesundheit, ihre Familie. Währenddessen erkundigt sich die andere Partei über den finanziellen Hintergrund des Mannes. In der Regel folgen mehrere gegenseitige Besuche. Sind die Verhältnisse geklärt, ist es an dem Vater des Bräutigams, bei der Familie um die Hand der Tochter anzuhalten: „... mit Allahs Befehl“, äußern sie ihren Wunsch beim Bewilligungsbesuch, dem Kiz Istemeye. „Wenn unsere Kinder es so wollen, soll es ihnen Glück bringen“, erwidert der Brautvater.
Der Bräutigam gelobt mit dem Söz kesme, dem Versprechen, seine Frau ein Leben lang zu lieben und zu ehren. Die Verlobungsringe, die mit einem Band aus roter Seide verbunden sind, werden den beiden als Zeichen der Ehe angesteckt und von einem älteren Mitglied der Familie wird das Band zerschnitten. Die Verlobung ist besiegelt.
Der Ehemann ist jetzt zur Zahlung der mahr verpflichtet, der Morgengabe: Ein festgesetzter Betrag zur Zahlung an die Ehefrau. Zur Hochzeit oder in Raten; in Geld oder Schmuck. Nach islamischem Recht für die Frau im Falle einer Scheidung auch ihre finanzielle Sicherheit.
Mit der eigentlichen Verlobungsfeier, der Nisan, wird das Paar in die Familiengemeinschaft eingeführt. Erneut werden die Ringe mit roter Seide verbunden, an der rechten Hand des Paares angesteckt und durchgeschnitten, diesmal meist von der Mutter der Braut. Für Glück und Segen.

Hennanacht und Ja-Wort

Ähnlich dem Junggesellenabschied findet kurz vor der Hochzeit die Hennanacht (Kina Gecesi) statt. Traditionell feiern Braut und Bräutigam getrennt. Die Braut verbringt den Abend nur mit ihren Freundinnen und weiblichen Verwandten. Ihre Handflächen und Finger werden mit Henna bemalt während die Frauen um sie herum tanzen und traurige Lieder siegen, um sie zum weinen zu bringen. Die Hennanacht ist das äußere Zeichen dafür, dass die Braut aus ihrer Familie entlassen und an eine neue übergeben wird. Die Frauen legen der Braut einen roten Schleier an, um sie vor dem „bösen Blick“ zu schützen und führen sie in das Haus des Bräutigams. Eine türkische Hochzeit ist eben nie nur eine rein private Entscheidung, sondern immer auch kollektiv für beide Familien. 
Weil die Hochzeit in der Türkei und im Islam keine strikt religiöse Feier ist, findet die Trauung, die Nikah, auf dem Standesamt statt. Traditionell wird die Ehe über eine religiöse Zeremonie, die Imam-Ehe, geschlossen. Vor allem bei den Sunniten ist dies auch heute noch üblich. Sie hat aber nicht den sakralen Charakter einer, z.B. katholischen, Hochzeit sondern dient eher der Beglaubigung des Vertragsabschlusses zwischen Mann und Frau. Dabei spielt die Frage der
angemessenen Versorgung der Ehefrau eine besondere Rolle. Die religiöse Zeremonie findet, wenn überhaupt, häufig kurz vor der standesamtlichen Eheschließung statt, in der Regel nur im kleinen Kreis der engsten Verwandten.
Höhepunkt jeder Hochzeit ist die Dügün, die eigentliche Hochzeitsfeier. Sie ist volksfestartig und glamourös. Es wird mit viel Musik, Essen und Tanz gefeiert. Verwandte nehmen weite Wege auf sich, um bei der Feier zugegen zu sein. Die Dügün ist nicht zuletzt auch Statussymbol innerhalb der türkischen Gemeinschaft. Gleich, was sie auch kostet. Das Ehepaar sitzt den ganzen Abend auf einer Art Thron in herausgehobener Stellung. Beim Tanzen wird der Braut Geld und Gold an das Kleid geheftet, so zeigen auch die Gäste dem Brautpaar und deren Familien ihre Wertschätzung.
Der mit der Verlobung eingeleitete Ehevertrag wird rechtskräftig durch seine Unterzeichnung, die Zahlung der Morgengabe und den Vollzug der Ehe in der Hochzeitsnacht. Hierfür - und für die Jungfräulichkeit der Braut - soll das blutbefleckte Bettlaken nach der ersten gemeinsamen Nacht Zeugnis sein, ein Zeugnis, das heutzutage aber eher sehr konservativen Charakter hat und nach einer Studie von Karakasoglu / Boos-Nünning nur etwa 50 Prozent der jungen türkischstämmigen  Mädchen als wichtig erachten. Hier hat – nicht nur in der türkischen Gemeinschaft in Berlin, sondern vielfach auch in den städtischen Gebieten der Türkei – eine Emanzipation der Frauen stattgefunden.

 

Diskussion

 

„Nur wenn Du weißt wo Du herkommst,
weißt Du wo Du stehst“

Einen Tag eine Prinzessin sein. Eine Nacht in weiß. Dann plötzlich erwachsen. Die Hochzeit ist ein zentraler Punkt im Leben zweier Menschen, unabhängig von deren Herkunft. Doch mehr noch als in westlichen Gesellschaften entlässt die türkische Hochzeit ihre Kinder in ein selbstbestimmtes Leben, wie die Kinder es zuvor nicht führten. Die Formen, wie dieser Schritt gefeiert wird, sind vielfältig. Ein Spiegelbild türkischer Gesellschaften, Spiegelbild türkischen Lebens in Anatolien, in Istanbul – und auch in Berlin. Eine Diskussion zwischen Prof. Yasemin Karakasoglu, Sineb El Masrar und Werner Felten über Tradition, Integration und kulturelle Identität, moderiert von dem Journalisten Simon Kremer.

„Gute Mädchen heiraten Verwandte, schlechte Mädchen gibt man einem Fremden“ heißt es in der Türkei. Wo kommt diese Überzeugung her?

Werner Felten: Ich befürchte aus Oberbayern, wo diese Sitte auch nicht so unbekannt war. Und was dies bedeuten konnte, war ja deutlich an der Habsburger Unterlippe zu erkennen.

Yasemin Karakasoglu: Die Überzeugung hat ihren Ursprung in ländlichen Strukturen, in denen es a.) um Vertrauen und b.) um das Zusammenhalten des Besitzes geht. Bei Verwandten kennt man die Familie, ihren gesellschaftlichen Status. In abgelegenen Bergdörfern Zentral- und Ostanatoliens ist das Vertrauen in Menschen außerhalb des eigenen Siedlungsgebietes gering, in der Siedlung selbst sind fast alle Menschen auf irgendeine Weise miteinander verwandt. Mit Verwandtschaft sind auch diejenigen gemeint, die in Deutschland nicht mehr unter diesem Begriff gezählt werden, wie Cousins und Cousinen dritten Grades etc. Übrigens ist die Tradition, zunächst bei Cousins und Cousinen als möglichen Ehepartnern zu schauen und sich erst nach Ausschluss dieser Möglichkeit weiter zu orientieren, durchaus nicht überall in der Türkei verbreitet. Z.B. gilt diese Tradition an der Westküste als völlig verpönt. Dass ein Mann nach dem Tod seines Bruders dessen Frau ehelicht (ggf. auch als Zweit- oder Drittfrau) ist z.B. eine kurdische Tradition.
Und c.) geht es auch um die Vertiefung von weiteren verwandtschaftlichen Beziehungen durch eine Hochzeit. Es werden damit Verpflichtungen verdichtet und damit zusätzlich gesellschaftliche Sicherheit und entsprechender Status versucht zu sichern.

Sineb El Masrar: Die Überzeugung liegt sicherlich darin begründet, dass Gehorsam und Bescheidenheit eine gute Tugend der Frauen seien. So kann eine Frau der Familie keine Schande machen, denn ihre Bedürfnisse stehen hinten an.

Welche Bedeutung hat die Hochzeit im Leben der Türken? Gibt es da Unterschiede zwischen den Generationen?

Yasemin Karakasoglu: Hochzeit bedeutet, dass ein Mann bzw. eine Frau vollständig erwachsen ist
und unabhängig vom elterlichen Haushalt einen eigenen Hausstand gründen kann. Während in früheren Generationen mehr der Versorgungs- und Statusaspekt im Vordergrund stand und die ökonomische Abhängigkeit der Frau von den Eltern auf die Abhängigkeit vom Mann überging, steht
heute die Liebesheirat im Vordergrund. Die zunehmende Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben lässt den Versorgungsaspekt in den Hintergrund treten.

Werner Felten: „Türkische“ Hochzeiten sind eher eine soziologische Ordnungsgrundlage um Familie, Dorf und Staat in überschaubaren Verhältnissen zu halten. Die Ehe als Scharnier der Zusammengehörigkeit war auch mal die Ausgangsposition für die europäische Gesellschaft. Es ist gar nicht so lange her, da wurden Ehen nicht immer nur aus gegenseitiger Zuneigung geschlossen. Sehr wohl schauten auch hier die Eltern auf den zukünftigen Schwiegersohn bzw. die -tochter und auch die Eltern, damit  materielles Vermögen auch zu solchem auf der anderen Seite kam.
Das ist in der Türkei auch nicht anders. Die meisten Brautleute leben bis zur Hochzeit bei ihren Eltern.

Sineb El Masrar: Die Hochzeit und die enorme Bedeutung ist nichts spezifisch Türkisches. Auch marokkanisch- oder griechischstämmige Frauen fiebern ihrem großen Tag entgegen. Die Hochzeitsbranche lebt von diesem Traum in Weiß. Auch in Deutschland. Man denke da nur an die großen Hochzeitsmessen.
Im islamischen Raum kann man ergänzen, dass mit der Hochzeit dem Paar endlich ein eigenes Leben ermöglicht wird. Sie gründen ihre eigene Familie und haben vor allem ihren eigenen Entfaltungsraum. Frauen und Männer ziehen aus den elterlichen Räumen aus. Wenn auch heute im 21. Jahrhundert viele vor der Ehe bereits durch Studium oder Ausbildung eine WG mit Geschwistern gründen oder eine eigene Wohnung nehmen. Auch hier bewegt sich vieles und hat Parallelen zu vielen Frauen, die nicht-muslimisch, türkisch oder arabisch sind.

Wieso heiraten türkische Frauen in Deutschland, die sich nicht als Türken sehen, trotzdem immer wieder traditionell?

Werner Felten: Gegenfrage: Warum heiraten deutsche emanzipierte Frauen auch gerne traditionell?

Yasemin Karakasoglu: Weil viele die Rituale als Teil ihrer Kultur betrachten, und Teile davon auch leben wollen, wenn sie sich als Deutsche verstehen - mit türkischen Wurzeln. Ein anderer Grund sind die Eltern und Verwandten, denen man es Recht machen möchte und die ihrerseits auch einfordern, dass zumindest die Hochzeit nach traditionellem Muster ablaufen sollte.

Sineb El Masrar: Weil es schlichtweg unterhaltsam, pompös und lebendig ist. Frau heiratet nur einmal, das ist auch bei ihnen die Devise und warum sollte man auf solch eine Hochzeit verzichten? Hinzukommt, dass die ganze Familie das obendrein auch noch glücklich macht.

Was ist das Besondere an einer türkischen Hochzeit?

Yasemin Karakasoglu: Das Besondere an einer traditionellen türkischen Hochzeit ist meiner Ansicht nach die umfassende Berücksichtigung von nahen und fernen Verwandten, Nachbarn, Freunden als eingeladenen Gästen. Eine traditionelle türkische Hochzeit festigt die entsprechenden Verbindungen durch die Einladung, so dass selten weniger als 500 Personen zusammen kommen. Eine Hochzeit mit 100 bis 200 Personen gilt als klein. Damit wird auch Geiz und fehlende Beliebtheit verbunden. Das Hochzeitspaar sitzt, nachdem es erst den Saal betreten hat, nachdem alle Gäste angekommen sind, wie ein Königspaar an einem eigenen Tisch und wird den ganzen Abend über bedient. Geschenke, meist Gold und Geld, von Verwandten und sehr nahen Bekannten sind möglichst kostbar, weil sich darin auch die Wertschätzung gegenüber der Familie äußert. Das Gold und Geld, das die Braut an dem Abend angesteckt bekommt, behält sie als persönlichen Besitz.
Es wird viel getanzt, meist getrennt nach Frauen und Männern, die Hochzeit ist auch ein „Ehemarkt“, bei dem neue Paare ausgeguckt und erste vorsichtige Annäherungen angebahnt werden. Bei einer traditionellen Hochzeit lacht die Braut wenig, weil dies als fehlende Zuneigung zu der eigenen Familie verstanden werden würde, sie verlässt danach ja das elterliche Haus.

Fatih Akin, der türkische Regisseur, sagte einmal, dass türkische Hochzeiten immer gleich ablaufen, wie in einer Fabrik. Warum ist das so?

Sineb El Masrar: Im Laufe der Jahrezehnte haben sich auch die Hochzeiten verändert. Auch deutsche Hochzeiten verlaufen nach dem selben Schema. Es hat sich ein Ritual verfestigt, was funktioniert und deshalb nicht infrage gestellt wird. Allerdings haben sich in den vergangenen Jahren auch die jungen Generationen für individuelle Akzente entschieden. Zum Beispiel, Geld nicht mehr öffentlich anstecken zu lassen oder eine Hochzeit auszurichten, die intimer ist. Weniger Gäste und mehr, die man auch persönlich kennt.

Wie stark ist der soziale Druck z.B. in Berlin noch auf türkische Paare, „gesellschaftskonform“ zu heiraten und zu leben – mit all den dazugehörigen Normen wie Jungfräulichkeit, etc. …

Yasemin Karakasoglu: Das hängt sehr stark vom sozialen Status und vor allem dem Bildungsniveau des Paares und meist auch seiner Familien ab. Jungfräulichkeit ist ein Wert, der von über 50 Prozent der Mädchen und jungen Frauen, die Ursula Boos-Nünning und ich 2004 in Deutschland befragt haben, uneingeschränkt befürwortet wurde. Aber aus Umfragen in der Türkei wissen wir, dass diese hohe Zustimmung schwindet in den Städten und im Laufe der Zeit. Bei relativ geringem Bildungsstand steigt die Zustimmung zu Jungfräulichkeit als unbedingt zu bewahrendem traditionellem Wert.

Sineb El Masrar: Das hängt mit Sicherheit von dem Intellekt der Familien ab. Viele setzen sich diesem Druck heute nicht mehr aus, weil sich auch bei ihnen herumgesprochen hat, dass es keinen Sinn macht, sich wegen anderer zu verschulden. Jeder macht die Hochzeit in seinen Möglichkeiten. In unserer Zeit kann man mit verhältnismäßig wenig Geld und mit Hilfe der ganzen Familie eine schöne Feier feiern.

Welche sozialen, religiösen und vor allem emotionalen Erwägungen und Impulse bilden für türkische Frauen der zweiten Generation in der Bundesrepublik den Hintergrund ihrer Eheschließung?

Sineb El Masrar: Sie sind Familie gewöhnt und man mag es kaum glauben, recht gut funktionierende Familien. Und dies möchten sie gerne auch für sich realisieren. Sie möchten Kinder, einen liebenden Ehemann. Daher das Bedürfnis nach Heirat. Auf der anderen Seite sind Kinder und Partnerschaft islamisch gesehen außerhalb einer Ehe nicht erlaubt. In den wenigsten Familien ist dies auch Normalität. Dies führt sicherlich auch dazu, warum frau lieber heiraten möchte. Partnerschaft und Familie lassen sich so am besten ohne Aufregung miteinander verbinden.

Hindert dieses Festhalten an eigenen Traditionen aber nicht die Integration in die deutsche Gesellschaft?

Werner Felten: Nein, dann wenn man seine eigene Tradition über Bord wirft, ist man verloren. Denn nur wenn du weißt, wo du herkommst, weißt du auch wo stehst.

Yasemin Karakasoglu: Traditionen sind wandelbar und integrierbar in neue Handlungs- und Denkweisen. Denken Sie an deutsche Traditionen bei deutschen Hochzeiten, da gibt es den Junggesellenabschied, die Entführung der Braut bei der Feier, Fruchtbarkeitsspielchen etc. Diese alten Traditionen kommen dann im neuen Gewand daher und werden weniger ernst, sondern spielerisch umgesetzt. Dass das weiße Brautkleid und die Hochzeit in der Kirche auch für moderne, eher kirchenferne Paare zu den berücksichtigten und befürworteten Traditionen gehört, steht nicht im Gegensatz zu einer modernen Lebensführung. Ähnliche Tendenzen finden Sie bei jungen Türken in Deutschland auch. Da gibt es z.B. das spielerische Ritual des ersten auf den Fuss Tretens. D.h. bei der standesamtlichen Eheschliessung versucht die Braut dem Bräutigam dabei zuvor zu kommen, ihr auf den Fuss zu treten, was ein Symbol dafür ist, wer die Oberhand in der Ehe gewinnen wird. Das wird mit großem Gejohle der Anwesenden quittiert, insbesondere, wenn die Frau hier zuerst dem Mann auf den Fuss tritt. Die genannten Traditionen werden befolgt, aber nach der Feier lebt das Paar seine ganz moderne Lebensführung.

Um wieviel moderner ist die Tradition der türkischen Hochzeit in den letzten Jahren geworden?

Yasemin Karakasoglu: Das weiße Brautkleid, eine westliche Tradition, die in der Türkei übernommen wurde, gehört zu der türkischen Hochzeit in Deutschland wie in der Türkei. Die Einladungslisten sind kleiner geworden. Das Fest ist dann weniger ein gesamtgesellschaftliches Ereignis als vielmehr eine durchgeplante erwachsene Feier. In vielen Fällen tanzen Männer und Frauen zusammen, sowohl bei modernen türkischen Hochzeiten in Deutschland wie auch in der Türkei.

Trotz dieser vielfältigen Rituale richtet sich der Fokus der Öffentlichkeit vor allem auf arrangierte Hochzeiten und Zwangsehen. Wie üblich ist dies tatsächlich?

Yasemin Karakasoglu: Eine arrangierte Ehe ist traditionell in ländlichen Gebieten und bei Menschen, die vom Land in die Stadt gezogen sind, weiter verbreitet. Eine Zwangsehe ist eher die Ausnahme. Die arrangierte Ehe verliert aber auch an Rückhalt in der Gesellschaft durch die zunehmende Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben und die Zunahme von Bildung. Die Zwangsehe hat keine breite gesellschaftliche Verankerung und wird in der Regel auch von Türken geächtet.

Werner Felten: Wahrscheinlich ist das genauso unüblich wie „Ehrenmorde“, aber man lässt sich ja gerne immer wieder sein Vorurteil bestätigen.

Sineb El Masrar: Die meisten Eltern möchten, dass ihre Kinder glücklich sind. Sie wissen aus eigener Erfahrung oder von anderen, was es bedeuten kann mit einem Menschen sehr unglücklich zu sein. Daher sind die meisten Eltern sehr wachsam, was die Partnerwahl angeht. Während die einen sich lieber einmischen und Vorschläge machen, lassen die anderen ihre Kinder selbst wählen. Auf der anderen Seite finden manche Frauen auch Gefallen daran, umworben zu werden und genießen das Ritual. Im Großen und Ganzen kann ich aber keine übermäßige Anzahl an arrangierten Ehen feststellen. Von Zwangsehen ganz zu schweigen.

Welche alternativen Lebens- oder Partnerschaftsformen gibt es für junge Türkinnen heute?

Sineb El Masrar: Auch unter türkischstämmigen Frauen ist es üblich als Single zu leben, oder als Geschiedene mit und ohne Kind. Eine offene Partnerschaft wird je nach Religiösität ausgelebt. Viele Eltern wissen häufig, dass ihre Töchter eine Partnerschaft führen und dulden es schweigsam. Völlig akzeptiert ist das allerdings noch nicht. Daher verloben sich viele Frauen auch schnell mit dem jeweiligen Freund, um dem Ganzen eine gewissen Legalität zu geben. Damit es „halal“ - erlaubt - wird. Dies hängt aber immer von den familiären Strukturen ab. Aber auch bei diesen Frauen sind alle Formen vertreten. Man muss nur die Augen hierfür aufmachen.

Ändert sich eigentlich auch etwas für den Mann? Man spricht ja im Zusammenhang mit Hochzeit immer nur von den Frauen …

Yasemin Karakasoglu: Klar, auch für den Mann ist es der rituelle Übergang in die Erwachsenenwelt und in ein gesellschaftlich akzeptiertes Ausleben von Sexualität.

Sineb El Masrar: Mit Sicherheit! Er muss jetzt Verantwortung übernehmen und die junge Generation fordert von ihrem Mann mehr, als nur den Versorger zu spielen. Er soll sich im Haushalt genauso einbringen, wie bei der Kindererziehung.




Yasemin Karakasoglu ist Professorin für interkulturelle Bildung an der Universität Bremen. Sie ist Mitglied des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration und war Gutachterin beim Bundesverfassungsgericht zum „Kopftuchstreit“.

Werner Felten ist Journalist und arbeitete acht Jahre lang als einziger Deutscher beim türkischen Nachrichtensender „Metropol FM“. Er ist Autor des Buches „Allein unter Türken“.

Sineb El Masrar ist Herausgeberin und Chefredakteurin der Frauenzetirschrift „Gazelle“. Sie war Teilnehmerin der Deutschen Islamkonferenz und Mitglied der Integrationskonferenz „Medien und Integration“. Sie ist Autorin des Buchs „Muslim Girls: Wer wir sind, wie wir leben“.